Trüffelschwein im Bergischen

Mit „Nur ein Tag“ hat der Kinderbuch-Autor Martin Baltscheit seinen ersten Kinofilm inszeniert.

Martin Baltscheit gehört zu den kreativsten und bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautoren Deutschlands. Der studierte Kommunikationsdesigner und Illustrator hat mehr als fünfzig Romane, Theaterstücke und Hörspiele verfasst und wurde dafür vielfach ausgezeichnet. In der Comedia waren bereits seine Stücke „Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor“ und „Max will immer küssen“ zu sehen. Und nach Karneval 2018 feiert dort „Krähe & Bär“ Premiere, das ebenfalls aus der Feder des Düsseldorfers stammt.

 

Mit „Nur ein Tag“ hat Martin Baltscheit jetzt seinen ersten Kinofilm als Autor und Regisseur inszeniert. Eine ebenso aberwitzige wie berührende Geschichte um die Freunde Fuchs und Wildschein, die sich rührend um eine Eintagsfliege kümmern, die nicht weiß, dass sie nur einen Tag zu leben hat. Dabei werden die Hauptfiguren von Schauspielern (Karoline Schuch, Aljoscha Stadelmann, Lars Rudolph) verkörpert, die ohne tierische Kostüme auskommen. Daneben beeindruckt  Anke Engelke in einer kleinen Nebenrolle als depressive Fliege. Ein Film, der eigentümliche Wendungen, schrägen Humor und Leichtigkeit mit einem gehörigen Schuss Melancholie verbindet und keineswegs nur für Kinder sehenswert ist. Reinhard Lüke sprach mit Martin Baltscheit im Odeon, wo „Nur ein Tag“ am kommenden Samstag und Sonntag zu sehen ist. 

Meine Südstadt: In welchem Land findet man denn Trüffel so kurz unterhalb der Grasnarbe?
Martin Baltscheit: (lacht) Im Bergischen Land. In einem besonderen Wald in der Nähe von Köln. Aljoscha Stadelmann, der das Schwein spielt, hat aber auch ein Näschen dafür. Ein echtes Trüffelschwein sozusagen.

Ihr habt also echt im Umland gedreht? Die Gegend sieht ja teilweise wirklich verwildert aus...
MB: Ja. In der Nähe eines Gräfinnen-Stiftes im Kreis Engelskirchen. Das ist inzwischen sowas wie ein Film-Wald, weil da schon viele Produktionen entstanden sind. Also leider keine Entdeckung  von uns. Ursprünglich hatte ich den Plan, den Film an verschieden, über ganz Deutschland verteilten Locations zu drehen. Aber dafür war schlicht keine Kohle da.

Und die drei Alphornbläser, die in einer Szene zum Geburtstag aufspielen, wurden dann aus Bayern eingeflogen...
MB: Nix da. Das sind Mitglieder eines Kölner-Alphorn-Vereins. Leider haben wir nur zwei Männer und eine Frau bekommen, der wir dann kurzerhand eine Bart angeklebt haben. In meiner Vorstellung standen da einfach drei urige Typen, darum musste das sein.

Was hat der ganze Spaß denn gekostet?
MB: Ein gängiger Kinofilm in dieser Länge hat ein Budget von vier bis fünf Millionen Euro. Wobei man dann drei, vier Wochen Drehzeit hat. Wir hatten ein Zehntel des Geldes und zwölf Drehtage. Also eine klassische Low Budget Produktion, was für alle Beteiligten eine große Anstrengung war. Für mich sowieso, da es mein Debutfilm als Regisseur war und ich keinerlei Erfahrung etwa aus einem Studium an einer Filmhochschule hatte. Aber auch für die Schauspieler, die sich auf so einen Neuling einlassen mussten.

 



Wie schwierig war es denn, trotz des knappes Budgets die Finanzierung zu stemmen? Ein Kinder- oder Familienfilm, in dem es zentral ums Sterben geht, der auch kein klassisches Happy End aber einen jazzigen Soundtrack hat – damit rennt man ja bei Produzenten nicht unbedingt offene Türen ein.
MB: Natürlich nicht. Wenn man denen mit dem Thema Kinderfilm kommt, fragen sie als erstes: „Haben Sie `nen Bestseller?“ Am liebsten sind ihnen solche, die bereits als erfolgreiche TV-Serie gelaufen sind. Sowas wie „Der kleine Eisbär“. Wenn man ihnen hingegen mit der Idee kommt, einen Arthouse-Film für Kinder machen zu wollen, erntet man in der Regel nur ein müdes Lächeln. Da muss man schon Glück haben und an eine engagierte Produzentin wie Bettina Brokemper geraten, die von dem Drehbuch überzeugt ist und das unbedingt machen will. Auch wenn damit nicht das große Geld zu verdienen ist.

Eigentlich schreit die Buchvorlage in der Form einer klassischen Fabel doch geradezu nach einem Animationsfilm. Wie bist du auf die Idee gekommen, die Tiere von Schauspielern verkörpern zu lassen, die auch nicht in animalischen Kostümen herumlaufen?
MB: Weil ich das von den Inszenierungen meiner Stücke so kenne und mag. Im Theater ist es völlig normal, dass ein Schauspieler in normaler Klamotte auf die Bühne kommt, die Arme ausbreitet und behauptet, er sei ein Baum. Und alle Kinder warten dann gespannt darauf, dass er seine Blätter verliert. Durch den Verzicht auf Kostümierungen bleibt transparent, dass wir es mit einem Spiel zu tun haben, das Freiräume bietet. Im konventionellen (Fernseh-)Film bekommt man ja alles in vorgestanzten, appetitlichen Häppchen serviert, die der Phantasie kaum noch Raum lassen.

Wie lange hat Anke Engelke gebraucht, um zuzusagen?
MB: Das weiß ich nicht. Sie hatte das Buch gelesen und fand es gut. Und ich finde, sie spielt die depressive Eintagsfliege in ihrer kleinen Nebenrolle einfach genial.

Vielleicht hat bei ihrer Zusage ja den Ausschlag gegeben, dass sie mit todernster Miene den Satz sagen darf: „Ich bin ein total witzloser Typ.“ 
MB: (lacht) Mag sein. Das würde ich bei ihr nicht ausschließen. Es gibt für mich zwei Arten Schauspieler. Die, die etwas spielen und die, die etwas sind. Und sie ist in dieser Szene diese Eintagsfliege.

Wie kommt man überhaupt dazu Kinderbücher zu schreiben? Kannst du keine richtigen?
MB: Ich mache nach meinem Selbstverständnis keine Kinderbücher. Ich schreibe Literatur, die auch von Kindern gelesen werden kann. Wenn mich Menschen fragen, warum ich nichts für Erwachsene schreibe, sage ich immer: „Mach ich doch.“ Denn die meisten meiner Bücher werden den Kindern von Erwachsenen vorgelesen. Meine Zielgruppe ist weniger das Kind als die Familie. Würde ich nur für Kindern schreiben, bräuchte ich nur viele Rülps- und Furzwitze einzubauen und die Kinder wären begeistert. Sowas wie „Der Drache Kokosnuss“ ist beispielsweise nur für Kinder geschrieben, während sich da jeder halbwegs intelligente Erwachsene mit Grausen abwendet.

Welche Rolle spielen deine eigenen Kinder bei deinem Werdegang?
MB: Vermutlich eine große. Ich hatte ja nicht unbedingt geplant, das zu tun, was ich heute mache. Aber als gelernter Grafik-Designer fängst du natürlich irgendwann an, eigene Geschichten für deine Kinder zu zeichnen, die ja nicht nur dankbare Abnehmer, sondern auch eine tägliche, wunderbare Inspirationsquelle sind.
 

Vielen Dank für das Gespräch.

 


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Von Reinhard Lüke hat jeder schon einmal etwas gelesen, der den "Stadtanzeiger" aufgeschlagen hat. Reinhard kritisiert...

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